
Liebe im Osten
Aliens auf der Kuhweide
Das wüste Land
Clubräume zu Schrottplätzen
90 Minuten Liebe und die ganze Musikgeschichte
Wir treffen uns in der Lobby eines kleinen Hotels, später am Abend wird Andreas Maier im Literarischen Salon Hannover aus seinem Roman „Sanssouci" lesen. Andreas Maier trägt ein dunkelgraues Tweed-Jacket und hat einen Rucksack dabei, der an einen Wanderurlaub erinnert. Im Hotelrestaurant setzen wir uns an einen Tisch, eigentlich hat es geschlossen. Bedient werden wir trotzdem, wir bestellen Bier.
subpool: Für Ihr Debüt vor zehn Jahren wurden Sie als eine der „interessantesten jungen Autorenstimmen" gefeiert. Sie siedelten das Geschehen in der Provinz an, einer zu dieser Zeit fast unbeachteten Gegend und faszinierten durch ein sprachliches Geflecht vieler Protagonisten. Wie würden Sie sich selbst verorten im Vergleich zu den Schriftstellerkollegen ihrer Generation?
Andreas Maier: Kann ich überhaupt nicht sagen. Ich sehe, dass da jedes Jahr Debütanten abgefeiert werden, das war bei mir 2000 genauso. Wenn man Debütant ist, wenn man jung ist, vorher noch kein Buch hatte, das mögen die Medien, das mögen irgendwie komischerweise auch die Kritiker, das mag der Buchmarkt. Ich habe das einerseits als Glück empfunden, es hat mich ja gerettet vor vielem, andererseits war mir vollkommen klar, dass das ein absoluter Irrtum ist. Das hat so zwei, drei, vier Jahre gebraucht, bis dann wenigstens die ersten Leser und auch die ersten Kritiker kamen und dann erstmals geäußert haben, dass sie absoluten Dreck und absolute Scheiße finden, was ich da mache. Man musste mich ja auch erst mal kennen lernen. Für viele bin ich bis heute eher rätselhaft. Aber erst wenn die Geister sich scheiden, ist man wirklich irgendwo angekommen. Vorher herrschte ein völliges Missverständnis und einige haben sich Gott sei dank in der Zwischenzeit darüber aufgeklärt.
subpool: Sie sehen also die Kritik und den Erfolg beim Publikum Ihres Romans „Wäldchestag" eher skeptisch.
Maier: Ich war der Debütant und das war die Rolle, die ich mit dem Buch gespielt habe. Um das Buch ging es dann zwar auch, mein erster Roman ist so als Dorfgeschichte angekommen und das haben die Leute dann auch gemocht: „gemütliche Geschichten vom Dorf". Sie haben es so gelesen. Es kam ihnen so vor. Dass es sich, wie mir ein Würzburger Professor bescheinigt hat, um eher morbide Depressionsliteratur handelt, käme dem, was ich über das Buch denke, da schon etwas näher.
subpool: Lasten Sie das dem Betrieb an?
Maier: Wer in dem Betrieb oder auch in der medialen Öffentlichkeit eine große Rolle spielt und wer nicht, das ist naturgemäß immer auch sehr stark qualitätsunabhängig. Neiden kann man niemandem seinen Erfolg. Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich mit allen meinen Büchern bis heute erfolgreicher bin als einer der allerwichtigsten deutschen Autoren, Peter Kurzeck, dann greife ich mir wirklich an den Schädel. Peter Kurzeck ist weder irgendwohin übersetzt, noch hat er irgendwo Taschenbücher. Das ist ein Mensch, der immer unter meinen Auflagen liegt. Er ist meiner Meinung nach das Größte, was wir in unserer Sprache überhaupt haben.
subpool: Als Schriftsteller ist man, wenn man nicht Massen von Büchern verkauft, auch immer auf Stipendien und die Vergabe von Preisen angewiesen. Auch Sie haben schon eine gewisse Anzahl von Preisen und Stipendien bekommen.
Maier: Es gibt sehr viele Preise, ja. Sie haben die ganzen Lesungen, Sie haben die Preise, Sie haben die Stipendien ... Im Ausland, zum Beispiel in Frankreich, da brauchen Sie einen bürgerlichen Beruf. Hier können Sie mit zwei guten Lyrikbänden schon ein paar Jahre so durchkommen. Das hätte ich so früher natürlich nicht gedacht.
Lesen geht für mich ganz anders
subpool: Auf so genannten Long- und Shortlists werden Bücher gesammelt und somit einer breiten Öffentlichkeit präsentiert: Das müssen Sie lesen! Das ist gute Literatur! Und die Gewinner des Deutschen Buchpreises oder auch des Preises der Leipziger Buchmesse können sich auf gute Verkaufszahlen einstellen.
Maier: Es ist offensichtlich für die Menschen wichtig, dass auf etwas ein Emblem gedrückt wird: Preis soundso gewonnen. Es ist eine der wichtigsten Orientierungsmaßnahmen für die Menschen im Gegenwartsmarkt. Ich glaube gar nicht, dass sie das wirklich für eine objektive Einschätzung halten, aber worauf sollen sie sonst reagieren. Sonst müssten sie ja ohne Vorbewertung ein Buch gelesen haben und ein ganz eigenes Bild dafür finden. Was eigentlich sehr, sehr schwierig ist. Es ist absurd, dass dann - auf medialen Zuruf - Hunderttausende dieses eine Buch kaufen. Bei Kehlmann war das anfänglich nicht so. Der hat das ganz allein geschafft. Aber die Haltung, die dahinter steckt, wenn man sich sagt: „Hm, der hat ja den Preis gewonnen, das muss ja was sein", und dann liest man das Buch in der Erwartungshaltung „das muss ja was sein", und eigentlich liest man dann in jedem Buch nur seine eigene Erwartungshaltung. Man kommt weder zum Buch noch durch das Buch zu sich selbst. Lesen geht für mich ganz anders. Ich kann Bücher überhaupt nicht auf Zuruf lesen. Was überhaupt nicht die Qualität des einzelnen Buchs betrifft.
Eine Masse von Schleim
subpool: In Ihrem Essay „Das quo vadis muss total sein", der 2004 in der Literaturzeitschrift BELLA triste erschien, sagten Sie auch, man sollte als Autor der Kritik nicht vertrauen. Wem sollte man vertrauen?
Maier: Vertrauen sollte man immer dem eigenen Kritikbewusstsein und dem lieben Gott, für den man immer schreiben sollte, und nicht für ein Publikum. Man muss in den eigenen Spiegel schauen können und man muss dem Auftrag nachkommen, der vom lieben Gott mitgegeben ist, nämlich: sei aufrichtig, sei wahr, betrüge nicht, auch im Schreiben nicht. Diese beiden Dinge halte ich für das Wichtigste. Dann schreibt man auch für die anderen, auch wenn es diesen in dem Augenblick vielleicht nicht gefällt, aber man muss den anderen auch nicht gefallen, man muss aufrichtig mit ihnen umgehen, auch beim Schreiben. Selbst wenn sie das Buch weglegen. Aber man soll nicht einem Publikum irgendwie eine Masse von Schleim vorlegen, die es für irgendwie interessant und diskutabel hält und dann auch in gewisser Hinsicht reizt, aber es irgendwie verführt und letztlich belügt.
subpool: Im gleichen Essay sagten Sie auch, dass Literatur „das Interessante" meiden soll. Um was muss es in Literatur gehen, inhaltlich und ästhetisch?
Maier: Ein Autor muss ein Leben haben und ein Werk schaffen. Das ist ein Gedanke von Arnold Stadler, ich teile ihn immer mehr. Ein Autor muss Worte zu seinen eigenen machen, er muss seine Worte langsam kennen lernen, wissen, wie die Worte bei ihm funktionieren. Er muss immer näher zu sich selbst, und wie er mit der Sprache auf der Welt funktioniert, und nur auf eine Weise funktionieren kann, kommen, und er muss seine einzelnen Bücher immer aus seinem gesamtem Lebenshorizont und den vorherigen Büchern, dem Stadium, das er erreicht hat, speisen. Es ist für mich völlig ausgeschlossen, dass ein Autor sich irgendwie ein Thema sucht, das er erst finden muss. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich etwa Arnold Stadler ein Thema sucht. Oder sogar etwas, was jetzt möglicherweise in den Markt passen würde. Einem Autor, der gut ist, wird manchmal auch das gelingen, aber wohl eher zufällig. Aber vorgängig ist immer: Ein Autor muss in sich kohärent sein und weiter kommen. Ich möchte bei einem Autor einen Lebensweg mitverfolgen können. Ich möchte, dass ein Mensch vor mir steht, den ich in seinen Entscheidungen, auch in seinen literarischen Entscheidungen jederzeit achten kann, den ich sogar vielleicht bewundern kann und durch den ich lernen kann. Nicht was literarische Technik angeht, sondern lernen kann, von ihm, was es heißt, mit einer Aufrichtigkeit durch all das hier zu gehen. Literatur muss für mich immer ein Exemplum beinhalten. Der Autor muss ein Leben und ein Werk haben. Mit „ein Leben haben" meine ich nicht ein Leben in so etwas wie „großen historischen Zusammenhängen". Ein Leben hat letztlich nichts mit historischen Komponenten zu tun, nichts mit dem, was um einen herum an Zeitungsfakten geschieht. Ein Leben mit größtmöglichem Ausmaß kann genauso gut in einem Fachwerkhaus in Bauernheim in der Wetterau geführt werden. Das kann sich auch ganz allein zwischen dem Menschen und dem lieben Gott abspielen. Das reicht schon völlig und ist im Regelfall sowieso schon mehr als alles andere.
subpool:Muss Literatur die Möglichkeit bieten, sich mit Figuren zu identifizieren?
Maier: Ohne das kann ich gar nicht lesen. Ich muss immer mitleben mit Figuren. Es muss sich beim Lesen eine Ebene ergeben, die unterhalb der Sprache kommt. Lesen kann ich nicht, wenn ich weiß, dass der Text meinen intellektuellen Apparat ansprechen will. Wenn er mit mir ein interessantes Gespräch führen will, wenn er mir zeigen will, dass er interessante Positionen hat, dann lege ich den Text weg, das kann ich nicht.
subpool: Um jetzt noch mal auf Ihr eigenes Schreiben zurückzukommen; Ihre Romane wurden oft als Milieustudien des Dorfes beschrieben, und regelmäßig siedeln Sie das Geschehen in der Provinz an. Welche Funktion hat dieser Rückzug in die Enge?
Maier: Dass ich ein Autor der Provinz und der Enge in meinen ersten Romanen gewesen sein soll, habe ich nie so ganz begriffen. Ich habe immer über die Welt geschrieben, die eben die Wetterau ist. Trotzdem habe ich die Bücher dann teils in Südtirol, teils in Frankfurt, teils im Wendland spielen lassen und mir nie Gedanken darüber gemacht.
Aber mit meinem nächsten Buch gehe ich mit Absicht nur noch in die Wetterau, dem Landkreis, aus dem ich komme. Ab jetzt werde ich ganz eng. In Friedberg, wo ich herkomme, wurde neuerdings eine Ortsumgehungsstraße gebaut. Und ich schreibe jetzt eben selbst eine Ortsumgehung und werde das zu meinem zentralen Werkgedanken machen. Ich arbeite seit zwei Jahren daran, habe mehrere Teile skizziert und bin da recht zuversichtlich, dass es das in den Schatten stellen wird, was ich bislang gemacht habe. Es spielt ausschließlich zu Hause. Es kann sein, dass ich bis zu meinem Lebensende daran schreibe, es kann sein, dass es in 15 Jahren abgeschlossen sein wird.
Das war immer eine Sprache ex negativo in meinen Romanen
subpool: Um was wird es konkret in Ihrem neuen Roman gehen?
Maier: Es wird kein Roman, es wird größer werden als ein Roman. Es wird ein Zyklus, und der Obertitel ist Ortsumgehung, die einzelnen Teile haben andere Titel. Es wird natürlich um das gehen, was nicht mehr da ist. Es wird um die Menschen gehen, uns, die wir immerfort alles wegschaffen müssen, die immerfort alles wegmachen müssen, was eben noch da war. Damit am Ende gar nichts mehr von dem da ist, was mal war. Um diese Lebenshaltung geht es ja sowieso in allen meinen Büchern. Vernichtung anleiern und sich selbst das auch noch als Fortschritt ins eigene Gesicht lügen.
subpool: Kann man sich stilistisch wieder auf einen Andreas Maier-Roman einstellen, wie man ihn kennt?
Maier: Nein. Einen Maier-Roman schreibe ich nie mehr. Die Maier-Romane haben ja so funktioniert, dass der Erzähler meistens seinen Redner-Figuren überlassen hat, das Geschehen zu erzählen. Ich als Autor habe in meinen Romanen meistens durch Sprechmasken hindurch gesprochen. Ich weiß seit Jahren, dass ich selbst eine Sprache zu den Dingen finden möchte. Das war alles immer eine Sprache ex negativo in meinen Romanen. Ich möchte selbst aus meinem eigenen Mund und aus meiner eigenen Hand Sätze zu den Dingen finden, formulieren, die vom Ton, der Farbe, der Melodie und dessen, was darin vorkommt, erträglich sind und funktionieren. Das ist die größte Aufgabe, die man als Autor hat.