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Shadow of the Colossus
von Philip Steimel
Spielregeln
 Runde 10: Flow
 Runde 11: Joker
 Runde 12: Balance
 Runde 13: Tod
 Runde 1: Spielfigur
 Runde 2: Zeit
 Runde 3: Schummeln
 Runde 4: Gegner
 Runde 5: Spielfeld
 Runde 6: Spielzug
 Runde 7: Modden
 Runde 8: Sex
 Runde 9: Adaption



ACHTUNG: Dieser Text enthält Spoiler!

Ich stürze mich wieder und wieder hinab in den Abgrund, dem Pferd hinterher. Es muss doch eine weitere Möglichkeit geben. Bei Max Payne konnte ich Mona doch auch retten, aber hier, in dem meistbesprochenen Spiel aller Zeiten, kenne ich die Antwort schon während ich mich in den Abgrund werfe, gleich meinem Pferd hinterher: Agro wird sterben. Bei der Wiederauferstehung im großen Tempel wird er wieder da sein, aber zuvor muss er sterben, immer wieder. Ich rufe ihn, die Stimme hallt wider in den steinernen Hallen und da höre ich sie schon: Die Hufschläge Agros auf dem harten Untergrund. In der dichten Atmosphäre von Shadow of the Colossus spüre ich den frühen Sommerwind, der über die Ebene rauscht, dann wieder läuft es mir kalt den Rücken herunter:  Es mag sein, dass es grausam war, diese hochgewachsenen Monster zu schlachten, einfach schöne große Fabelwesen umzubringen ohne zu wissen, ob man damit seinem Ziel wirklich näher kommt. Das ist alles ganz traurig und so, aber das bin ich gewohnt. Ich töte in vielen Welten ständig, genauso wie ich sterbe und immer wieder respawne. Dieses Spiel hier ist kein Spiel über das sinnlose Töten von wunderschönen Ungeheuern, wie mich die meisten Besprechungen glauben machen wollen, dieses Spiel erzählt das stundenlange Reiten durch endlose Landschaften, erzählt von einem Pferd namens Agro, das mich vor manch einem Abgrund bewahrt hat, weil es stoppte bevor ich stürzte, weil es klüger ist als meine eigenen Beine. Das Pferd das in seinen Pausen beginnt wie wild umherzugallopieren und über die Landschaften rast. Bis ich ihn rufe und er einhält, sich umdreht und zu mir kommt, sich streicheln lässt. Agro. Das Pferd, das mein einziger Begleiter ist in einer Welt, die ausgestorbener kaum sein könnte. Agro. Der einzige Freund in einem Spiel, von dem man sehr schnell weiß, dass sein Quest eine Farce ist. Agro. Der einzige Grund das Spiel immer weiter zu spielen. Agro. Das Pferd, das auf dem Weg zum letzten Kampf, beim Versuch mich über eine Brücke zu tragen, in die Tiefe stürzt. Mich zurücklässt. In der Gewissheit, dass es keinen Weg gibt, dem Willen des Spiels, dieser ewigen Verdammnis zu entfliehen. Ich reite mit ihm. Ein letztes Mal. Ich möchte mich wenigstens verabschieden können. Ich reite Agro wie zum Schlachter und mache mich zum unglücklichen Sisyphos. Ich kann zurückkehren zu diesem Punkt. Jederzeit. Aber ich weiß: Agro wird sterben, bevor ich das Spiel zu Ende bringe. Er wird immer und immer wieder in den Abgrund stürzen. Und das einzige was mir bleibt ist: Zu Ende zu spielen oder auf ewig mit Agro in sein Verderben zu reiten. Mein Tod ist irrelevant. Aber mit Agro endet auch das Spiel. Shadow of the Colossus handelt nicht vom klettern, nicht vom Töten, nicht von Riesen und nicht von der Sinnlosigkeit seiner eigenen Quests. Shadow of the Colossus handelt von einem Pferd.

ACHTUNG: 2ter Spoiler oder
„Notiz für die Munchkins“: Nach dem Schreiben dieses Texts wurde ich freundlicherweise darauf hingewiesen, dass Shadow of the Colossus tatsächlich mit Agro endet, aber ganz anders, als es dieser Text impliziert. Da der Text aber aus einer Perspektive mitten im Game erzählt, ändert das nichts an seiner Richtigkeit in genau diesem Moment.


Shadow of the Colossus ist ein japanisches Computerspiel vom Entwicklerstudio Team ICO. Es wurde von Spielern und Presse gleichermaßen als Beispiel hochgehalten, wie Spiele Emotionen wie Trauer oder Bedrücktheit dramaturgisieren. Ihren Schatten werfen die Kolosse unter anderem hier:

 Shadow of the Colossus